
Charakterzwerge und Opportunisten, die bei den Nazis die große Karrierechance sahen wie viele Personen in der Justiz, in der Wissenschaft, im Filmgeschäft oder im Musikgeschehen. Gefälliges Hinnehmen also vom Schaden eines Anderen, den man meistens kannte, für einen besseren Posten. Oder die geschätzten 30.000 Unternehmen in Österreich, die jüdischen Geschäftsleuten quasi entschädigungslos weggenommen wurden und von der lokalen Konkurrenz billigst übernommen wurden. Auch hier waren also oft Personen beteiligt, die sich kannten.

Einer der mächtigen Massenmörder in seinem intimen Ich eine lächerliche Person…

Circa 6.000 Klaviere wurden aus Haushalten geraubt und zusammengetragen – zum Großteil wurden sie nicht mehr zurückverlangt…. Was geschah denen, die einst auf diesen Klavieren spielten?

Wer fühlt sich durch Jugendliche bedroht, die einen scheinbar wilden Tanz tanzen und frech und ausgelassen sind? Nazis, Leute mit beschränktem Horizont …Sie wollen sie stoppen durch verunglimpfende Zeitungsartikel, in dem man die nicht volkstanzenden „Swings“ verächtlich machen will, bis schließlich durch KZ-Gefangenschaft für viele dieser jungen Leute. Nach dem Krieg kommen sie aus ihren Kellern und Verstecken und werden zum Beispiel zu den Jazz Legenden Fatty George und Joe Zawinul.

„Unseren Juden is nix passiert.“ So habe ich es als Kind in Murau gehört bei Fragen in der Schule. Von anderer Seite wurde mir schon eingeschärft, wen ich nicht zu grüßen hätte, weil sie alte Nazis seien. Schließlich, nach langer Abwesenheit von Murau, die große Erkenntnis durch die Ausstellung und das Buch von Uli Vonbank-Schedler und Werner Koroschitz: „Unsere Juden“ wurden beraubt und vertrieben, schließlich manche von ihnen ermordet, anderen, denen die Flucht gelang, konnten nie mehr in der alten Heimat, bei den früheren Freundinnen, Nachbarn, Geliebten … Fuß fassen.

„Der Weg ist kurz“ (vom Wegsehen, Schweigen, einer kleinen Unterlassung, einer kleinen Gemeinheit, einem Verrat) „bis zum Massengrab.“ Zitat aus Film 1946, ‚Die Mörder sind unter uns‘. Hier einige Szenen von kleiner und großer Gemeinheit, Bosheit, Verrat – die schließlich die großen menschlichen Katastrophen von Holocaust und Krieg ausmachten. Wie viele Figuren in dieser Ausstellung sind sie ohne Hintergrund, weil sie sich vor dem Hintergrund heutiger Räume und Landschaften genauso abspielen könnten.

Kinder von Izieu: Kinder, meistens in Deutschland, Österreich geboren, haben ihre jüdischen Eltern durch deren Verhaftung, Deportation, Tod in KZ und Gefangenschaft verloren. Nach angstvollen Irrwegen von Versteck zu Versteck durch Frankreich finden sie Zuflucht in Izieu, wo einige Einwohner:innen, erfahrene Fluchthelfer:innen sowie Gemeindebeamte für sie ein leerstehendes Haus herrichten und sie betreuen. Schon bald wird Frankreich von den Alliierten befreit sein, da wird der Mörder und Folterer in Lyon auf die Kinderzuflucht auf dem Land aufmerksam gemacht. Durch ihn direkt werden die Kinder und ihre Betreuer:innen gefangen genommen. Alle Kinder und die meisten Betreuer:innen kommen im KZ Auschwitz um.

Ein weiterer unerträglicher Wahnsinn: die 14-jährige Tochter reist zum Gefängnis und Arbeitslager Breitenau, um ihre Mutter Lilli Jahn zu besuchen und später unter großen Gefahren von weitem zu sehen, geht als Halbjüdin zur Gestapo, um sie freizubekommen und wird bedroht, und der nicht-gefährdete Ehemann stößt seine Frau mit einer Ehescheidung (eine arische Kollegin bietet in den 1940ern ein schöneres Leben) trotz eindeutiger Warnung in KZ und Tod und bequemt sich auch nicht trotz dem Flehen seiner Kinder und von Bekannten zur Gestapo zu gehen, um das herrschende Recht einzufordern.

Tarockkarten sind genau gespiegelt. Diese Karten sind auch gespiegelt und unterscheiden sich oft nur durch kleine Details – der kleine Unterschied im kurzen Augenblick, der die menschliche Entscheidung von der unmenschlichen unterscheidet. Als wir mit gemeinsam mit 12 Menschen – ihre Namen befinden sich bei der Zitatenliste – diese Karten herstellten, gedachten wir einiger der Mutigen, die für die menschliche Entscheidung Schweres auf sich nahmen.

Die Hirnvernebelung, die viele zugelassen haben, um nicht aus dem Himmel der Begeisterung für die Naziideologie in das Verlies des Entsetzens über die Realität von Verfolgung, Raub und massenhaften qualvollen Tod zu fallen.

Beihilfe
beihilfe
Zuerst war es bei vielen der kleine Vorteil, eine bessere Verdienstmöglichkeit, dann ein bedeutender Schritt auf der Karriereleiter, ein Arbeitsplatz, ein Koffer mit nützlichen Dingen, schließlich eine schöne Wohnung, große Gewinne durch fast kostenlose Arbeiter und die billige Übernahme von Konkurrenzbetrieben.
Zuerst war es Schweigen zu Ausgrenzung und Anschwärzen von Juden, politisch Andersdenkenden, Sinti/Roma, Homosexuellen, Zeugen Jehovas, Osteuropäern … dann Duldung des Verschwindens von Nachbarinnen, Kollegen und Geschäftspartnern, bis zur aktiven Anzeige bei Behörden und NS Organisationen von den Gebrandmarkten und Unliebsamen.
Ohne diese Beihilfe der Vielen hätte das Massenmorden nicht stattfinden können.
Eine oder zwei falsche Entscheidungen und der Weg zur Beihilfe ist beschritten, der Weg zum Opportunisten, zur Mitläuferin, zum Profiteur, zum Täter und zur Verleugnung. Ohne sie, die Beihilfe der Mehrheit, hätten die Katastrophen von Holocaust und 2. Weltkrieg nicht stattfinden können.
„Hör auf mit den Geschichten, ist ja alles schon nimmer wahr! Das interessiert ja niemanden mehr.“, hört man bei uns oft. Es ist aber falsch.
Die Vergangenheit ist erstens nicht vorbei – Traumata und Verleugnung wirken in Familien und heutiger Politik nach, unrechter Besitz ist noch in den Händen direkter Nachkommen.
Und zweitens kann dies alles wieder geschehen.
In den drei-dimensionalen Bildgeschichten stehen die Figuren oft ohne Hintergrund oder lösen sich vom Hintergrund – deshalb, weil ihre Geschichten sich auch vor den heutigen ‚Kulissen‘, in unseren Straßen, Häusern, Computern abspielen könnten. Sie könnten im Heute stehen.
Meine Erkenntnis aus dem Schock meiner zufälligen Exzerpte aus den hier vorliegenden Büchern über der Nazizeit ist: Damit wir nicht Beihilfe leisten zu heutiger Unmenschlichkeit ist genau das notwendig: Menschlichkeit.
signed: KIR
